Ein Modell über das, was uns zueinander hinzieht und zusammenhält.
Bei der Beziehungsmatrix handelt sich um ein Modell, das die
Anziehungsfaktoren in Paar-Beziehungen in vier Dimensionen strukturiert und mit
einem ergänzenden Fragenset bei der (Selbst)Analyse hilft. Dieses Kartenset ist dazu gedacht, einen objektivierenden Überblick der bestehenden und stabilisierenden Faktoren in einer Paarbeziehung zu schaffen. Es ist geeignet, um einen geweiteten Blick auf die Beziehungsqualität zu richten, Problem-Fixierungen zu lösen und Aspekte zu identifizieren, die erhöhte Aufmerksamkeit verdienen.
Mit jeweils über 20 Statements in 4 Kategorien werden weitgehend alle Aspekte berücksichtigt, die dazu führen eine Beziehung als erfüllend zu erleben. Wünschenswert ist es, ein stabiles Fundament in allen 4 Kategorien miteinander zu teilen. Eine 100% Übereinstimmung ist dabei weder realistisch noch wünschenswert. Das Ziel ist eine ehrliche Selbsteinschätzung.
Wer sich für die Entwicklung, eingeflossene Modelle und Studien interessiert kann hier weiterlesen.
Ich empfehle eindringlich dies alleine und nicht direkt gemeinsam mit der Partnerperson durchzuführen. Ihre ehrliche Zuordnung der Aussagen können durchaus vom Gegenüber anders und verletztend empfunden werden. Diese Themen sind wenn dann mit Abstand und Feingefühl anzusprechen, unter Umständen auch mit professioneller Begleitung im Rahmen einer Paarberatung oder einer Mediation. Nutzen Sie diese Karten bitte in einer stabilen emotionalen Verfassung. Sie können Ihnen unter Umständen unangenehme Aspekte Ihrer Beziehung bewusst machen, die Sie bisher verdrängt haben.
Dimension 1: Körperlichkeit im Allgemeinen, Sexualität im Besonderen
Körperliche Anziehungskraft, die auch alle anderen Sinne miteinbezieht und sich
insbesondere in erfüllender Sexualität zeigt. Wir sagen „die Chemie stimmt“, wir nehmen z.B. den Körpergeruch von manchen Menschen als angenehm wahr, von den meisten anderen als unangenehm. Auch die Attraktivität spielt aufgrund des Stereotyps „Was schön ist, ist gut“ eine Rolle (Kalick, Zebrowitz, Langlois und Johnson, 1998). Wie wir küssen, die bevorzugte Art von Berührung, aber auch Körperhaltung und Stimme beeinflussen unsere gegenseitige Anziehungskraft. Sexualität ist nicht nur ein Grundbedürfnis, sondern auch die erfüllendste Form der Intimität. (Berne, 1970). Dies in erfüllender Form und mit gemeinsamen bzw. sich ergänzenden Vorlieben ist ein wichtiger Stabilitätsfaktor in Liebesbeziehungen, u.a. durch die vielseitige Ausschüttung von Hormonen, die Glücksgefühle, gemeinsame Entspannung und Bindung beeinflusst. All diese Themen werden in den Fragen berücksichtigt und in beide Richtungen abgefragt.
Dimension 2: Kognitiv/Intellektuell. IQ, Denkfreude und gemeinsame Themen.
Ein gemeinsames intellektuelles Interesse und eine ähnliche Kapazität an Denk-
Leistung, -Freude und Fähigkeit. Studien zeigen, dass sich Menschen Partner mit
einem ähnlichen IQ suchen. (Horwitz, Balbona, Paulich, Keller, 2023) Dazu scheinen
gemeinsame intellektuelle Interessen ein steter Faktor gemeinsamer und
gegenseitiger Inspiration zu sein. Dies ermöglicht stetige Kontaktmöglichkeiten. Von
daher beziehen sich die Fragen auf die kognitive Bearbeitung, wie intellektuell
kompatibel und anregend man sich gegenseitig empfindet, wie man Inhalte
konsumiert und in welchem Maße man sie verarbeitet und miteinander teilt.
Dimension 3: Emotional. Ich fühle mich gesehen, geliebt, verstanden und wirksam.
Im Wesentlichen beziehen sich die Fragen in dieser Dimension um die
Beziehungsbedürfnisse von Richard Erskine (1999). Ergänzt um die „fünf Sprachen der Liebe“ (Gary Chapman, 1992), Humor und den Bereich der
Konfliktlösungsstrategien.
Dimension 4: Soziokulturell. Ein gemeinsamer Hintergrund und ein harmonisches Umfeld trägt uns.
Zum einen sind ähnliche Umfelder ein häufiger Grund, miteinander in Kontakt zu kommen. Familienhintergründe sowie Freundeskreise, die der Beziehung positiv gegenüberstehen, können ein wesentlicher Faktor zur Stabilisierung sein. Damit einhergehen Gemeinsamkeiten in Kultur, Religion, Sprache und sozioökonomischem Status. Übereinstimmungen beim bevorzugten Wohnraum, Einstellung zu Familie und Erziehung, die Veränderungsbereitschaft sowie ein ähnlicher Umgang mit Statussymbolen sind ebenfalls hilfreiche Faktoren in Beziehungen. Unterschiede in diesen Bereichen können zu Problemfaktoren werden, wenn sie nicht sehr bewusst als bereichernd gesehen und gepflegt werden. Ähnlichkeit führt dazu, dass das Gefühl entsteht, von der Partnerperson verstanden zu werden (Murray, Holmes, Bellavia, Griffin & Dolderman, 2002).
Vorgehen:
Ich empfehle eine Dimension nach der anderen zu bearbeiten. Dazu sortieren Sie die Karten nach Farben und nehmen aus einem Stapel eine der Karten und überlegen, ob Sie dieses Statement für Ihre Beziehung als korrekt empfinden. Falls ja, legen Sie sie oberhalb des Stapels ab.
Falls nein, legen Sie sie unterhalb des Stapels ab. Sollten Sie zu einer Karte (erstmal) keine klare Antwort finden oder sie für sich persönlich als irrelevant empfinden, legen Sie sie neben dem Stapel im neutralen Bereich ab. So fahren Sie fort und legen die Karten im positiven Bereich oberhalb und in negativen Bereich unterhalb nebeneinander ab. So bekommen Sie einen visuellen Überblick über die ungefähre Verteilung.
Wenn Sie eine Kategorie durchgearbeitet haben, können Sie mit den anderen Kategorien fortfahren und diese nebenan im gleichen System bearbeiten. Wenn Sie dies mit allen 4 Kategorien und allen Karten durchgeführt haben, lassen Sie das Gesamtbild wirken. Wo liegen die Stärken Ihrer Beziehung? Was hält Sie, beglückt Sie miteinander. In welchen Bereichen hakt es? Was sind Treiber einer vielleicht latenten oder auch offensichtlichen Unzufriedenheit. Und welche dieser Bereiche können und möchten Sie ins Gespräch bringen. Vieles lässt sich lösen, miteinander erlernen oder neue Wege zum Umgang damit finden. Vielleicht ist auch eine intensivere, individuelle oder gemeinsame Auseinandersetzung mit einem Berater oder Therapeuten hilfreich.
Vertiefende Informationen zu stützende Theorien und Studien
Die folgenden Theorien waren für mich bei der fortgeschrittenen Entwicklung leitend: Erskine (1975) beschrieb die TA als eine therapeutische Methode, die die drei Dimensionen des Menschen – Denken, Gefühle und Verhalten integriert und
ergänzte 1980 die physiologische Dimension als Hauptzugangsmöglichkeiten zum
Skript in der therapeutischen Arbeit. (Erskine et al. 1999). Dank ihm kennen wir die
Beziehungsbedürfnisse. Auch wenn diese sich auf den therapeutischen Kontext
beziehen, ist unbestritten, dass das Bewusstsein über diese hilfreich ist, um in
Beziehungen gegenseitig wohltuend und bindungsstärkend zu agieren.
Aufgrund der Bindungstheorie (Bowlby, 1982) und vieler weiterer Studien wissen wir
die wohltuende Wirkung stabiler, erfüllender Beziehungen auf das gesamte System
Mensch. Menschen in festen und befriedigenden Liebesbeziehungen sind glücklicher (Easterlin, 2003) und gesünder durch höhere Überlebensraten nach schweren Erkrankungen (Koronare Herzkrankheit, Williams et al, 1992 & Herzinfarkt, Coyne, 2001). Dank der umfangreichen Arbeiten von John Gottman (2014) und Julie Schwartz Gottman wissen wir um die Bedeutung positiver Interaktionen. Die in meinem Modell enthaltene Analyse der Gemeinsamkeiten, zeigt daher auch auf, wie viele Gelegenheiten zur Kontaktaufnahme und gegenseitiger Aufmerksamkeit daraus resultieren und damit einem Gefühl der Verbindung zuträglich sind.
Literaturliste
Berne, Eric. (1970) Sex in human loving, Pocket Books
Bretherton, Inge (1995) Die Geschichte der Bindungstheorie. In: G. Spangler, P.
Zimmermann (Hrsg.): Die Bindungstheorie. Grundlagen, Forschung und Anwendung.
Stuttgart 1995, S. 27ff.
Chapman, Gary D. (1992) The Five Love Languages: How to Express Heartfelt
Commitment to Your Mate, Northfield Publishing
Erskine, R., Moursund, J. P., Trautmann, R.I. (1999) Beyond Empathy, A Therapy of
contact-in-relationship, Routledge
Gottman, Dr. J. M. (2012) Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe: Der
wissenschaftlich fundierte Beziehungs- und Eheratgeber vom Bestsellerautor:
Für langfristige und erfüllte Partnerschaften. Ullstein Taschenbuch
Horwitz, Tanya B., Balbona, Jared V., Paulich, Katie N. & Keller, Matthew C. (2023)
Evidence of correlations between human partners based on systematic reviews
and meta-analyses of 22 traits and UK Biobank analysis of 133 traits
(pages1568–1583) Nature Human Behaviour volume 7
Kalick. S. M., Zebrowitz, L. A., Langlois. J. H., & Johnson, R. M. (1998) Does human
facial attractiveness honestly advertise health? Longitudinal data on an
evolutionary question. (8-13) Psychological Science, 9.
Karremans, J.C., Finkenauer, C. (2014). Affiliation, zwischenmenschliche Anziehung
und enge Beziehungen. In: Jonas, K., Stroebe, W., Hewstone, M. (eds)
Sozialpsychologie. Springer-Lehrbuch. Springer, Berlin, Heidelberg.
Murray, S. L., Holmes, J. G., Bellavia, G., Griffin, D. W., & Dolderman, D. (2002).
Kindred spirits? The benefits of egocentrism in close relationships. (563-581)
Journal of Personality and Social Psychology, 82(4)