Die Mehrabian – oder 7/38/55-Regel.

Die Fehlinterpretation hält sich hartnäckig… immer wieder begegnet man Aussagen im Sinne von „Lediglich 7 % der Kommunikation verlaufen tatsächlich verbal. Die restlichen 93 % laufen nonverbal ab. Gesichtsausdruck, Körpersprache und Stimmlage machen die Kommunikation aus.“ Was ein Quatsch.

Wenn das so wäre, könnten wir uns alle stumm vor Publikum stellen und pantomimisch unsere Inhalte kommunizieren. Bei 93% sollte da genug hängen bleiben. Und mit dieser Vorstellung wird eigentlich schon klar, dass da irgendwas falsch dran sein muss.

Denn Albrecht Mehrabian, Professor für Psychologie – dem Urheber dieser Regel – ging es keineswegs darum, die verbale Kommunikation als annähernd irrelevant zu degradieren. Stattdessen geht es in seinen Untersuchungen um Kongruenz und Glaubwürdigkeit!

Oder andersherum, darum aufzuzeigen, was passiert, wenn die Ebenen der Kommunikation, also Worte, der Ton der Stimme und unsere Mimik inkonsistente Botschaften senden, wenn es um die Vermittlung von Gefühlen und Haltung geht.

7% verbal | 38 % Stimme | 55 % Körpersprache

(Mein geschätzter Präsentationskollege Peter Claus Lamprecht hat die zugrunde liegende Untersuchung deutlich detaillierter beschrieben. Prädikat lesenswert.)

Wenn ich „Ich liebe Dich“ sage und dabei angewidert die Nase rümpfe, wird jedem klar sein, dass die Mimik da mehr Wirkung erzielt als die eigentliche Aussage der Worte. Wenn ich dagegen jemandem die Bedeutung von Studienergebnissen erkläre, ist meine Mimik währenddessen nicht besonders relevant.

Spannend wird das also immer dann, wenn irgendeine Art von Beziehung dahinter steckt. Wenn ich einem neuen Mitarbeiter sage, dass ich ihn herzlich willkommen heiße und mich auf die Zusammenarbeit freue, sollte ich das nicht mit grimmiger Stimme und verschränkten Armen tun. Wenn ich jemandem dagegen detaillierte Kritik mitteile, ist Rumgeblödel und fröhliches Gelächter nicht hilfreich, wenn ich sicherstellen möchte, dass meine Aussage ernst genommen wird und das zugrunde liegende Verhalten nicht mehr vorkommt.

Herr Laschet musste das kürzlich schmerzlich lernen, als er feixend hinter Herr Steinmeier im Ahrtal stand und dabei gefilmt wurde.

Eigentlich selbstverständlich, oder?

Und im Normalfall wird das auch so sein, solange wir aufrichtig sind, uns nicht künstlich verstellen und Aussagen treffen, hinter den wir auch stehen können – passt auch unsere Stimme und Körpersprache dazu.

Ein bisschen komplizierter wird das erst, wenn ich mich genötigt fühle, Dinge auszudrücken, die ich so nicht empfinde. Beispiel Feedback: wenn ich formalen Vorgaben folgen, wie dem berühmten Feedback-Sandwich. Denn wenn ich Mühe habe, noch was positives vorher und nachher um die berechtigte Kritik zu packen und das in dem Moment vor lauter Ärger nicht so empfinde, wird es auch nicht glaubwürdig ankommen. Und deshalb ist es auch schwierig, sich ganz rational auf Inhalte zu konzentrieren, wenn ich gerade emotional auf Konfliktkurs bin. Der Konflikt wird durchschimmern, egal wie konstruktiv ich versuche zu sein.

Transparenz hilft.

In dem Fall als „Selbstoffenbarung“. Warum nicht sagen, „Du weißt, dass ich Dich als Mensch und Mitarbeiter sehr schätze, aber jetzt gerade ärgere ich mich sehr, über das was Du …[genaue Schilderung der Situation] … getan hast. Weil es folgende Konsequenzen hat… etc“.

Nicht immer ist ein „sowohl als auch“ stimmig und damit auch nicht kongruent.

Und ich kann z.B. auch erklären, warum ich gerade in einer emotional unpassenden Stimmung bin und ermögliche meinem Gegenüber damit Inhalt, Stimme und Mimik/Gestik angemessen zuzuordnen. Und laufe dann viel weniger Gefahr, dass irgendwelche Interpretationen und daraus folgenden Missverständnisse entstehen.

Wenn z.B. mein geliebter Hund am Vortag gestorben ist, kann ich zwar vielleicht inhaltlich meinen Arbeitsalltag abspulen. Aber Begeisterung und Freude zu vermitteln, kann zu einer nicht zu bewältigenden Herausforderung werden. Wenn ich das anspreche, wird das vermutlich (fast) jeder nachvollziehen können und die gedämpfte Stimme und Mimik irritiert dann keineswegs. So kann ich dann auch trotzdem glaubwürdig mitteilen, wie großartig ich die Leistung und das Engagement meines Mitarbeiters in einem Projekt finde, auch wenn ich gerade so gar nicht begeistert wirke.

Der Mensch ist ein zutiefst emotionales Wesen, es wäre unmenschlich keine Emotionen zu haben. Und bei aller Professionalität schadet auch das Wissen unserer menschlichen Facetten keineswegs. Auch das strahlt Souveränität und Authentizität aus.

Kommunikation ist mehr als Inhalt.

Also: Worte zählen, insbesondere wenn es um Inhalt geht. Bei der Vermittlung von Gefühlen, Haltung und dabei glaubwürdig zu wirken, ist allerdings ein kongruentes WIE essentiell. Aufrichtigkeit – auch sich selbst gegenüber – und der Mut das zu offenbaren, ist dabei von großem Wert.

Tipps zum weiterlesen Wikipedia , „Silent Messages“ von A. Mehrabian selbst und ein anschauliches Erklärvideo zum Thema

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