Das Johari-Fenster. Und was nutzt das eigentlich.

Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft mir das Johari-Fenster schon in irgendwelchen Fortbildungen begegnet ist und ich vermute das geht einigen so. Irgendwie ist es auch hängen geblieben, aber so richtig spannend fand ich es nie. Zu Unrecht wie mir letztens auffiel.

Irgendwas ist ja meistens schon dran an den Klassikern, also versuche ich mal meine neue Begeisterung darüber zu beleuchten. Und bin gespannt, was Ihr darüber denkt.

Grundsätzlich geht es in dem Modell darum bewusste und unbewusste Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale aufzuzeigen, insbesondere die Bedeutung des „Blinden Flecks“. Entwickelt wurde es 1955 von den Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingham. Daher auch der Name. Es wird insbesondere in der Arbeit mit Gruppendynamiken genutzt und es gibt ein dazu beschriebenes Experiment, dass sich auch gut als Übung mit einer Gruppe eignet. Dabei weist man aus einer feststehenden Liste von 56 positiv besetzten Adjektiven, jeweils sich selbst und anderen je 5-6 Begriffe zu und tauscht sich darüber aus. Spannende Erfahrung.

Die Darstellung des Johari-Fensters ist relativ selbsterklärend, oder? Wie gesagt, es geht um Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale. Es gibt jeweils Bereiche die mir bekannt und unbekannt sind. Und es gibt Felder die anderen bekannt oder unbekannt. Und alle Kombinationen daraus, die eigene Bezeichnungen bekommen haben.

Also warum ist das spannend?

Als ich letztens meinen längeren Artikel über Feedback schrieb, fiel es mir wieder ein, dass wir es eben genau dafür tun/benötigen, um unseren „Blinden Fleck“ kennen zu lernen.

(Wer nochmal nachlesen will, hier geht’s zum etwas längeren Feedback-Artikel.)

Was wir dazu brauchen ist der Blick der anderen auf uns. Denn wir können halt nicht raus aus unserer Haut. Selbst wenn wir uns per Video oder Foto von Außen betrachten, haben wir ja immer noch den gleichen inneren Bewertungsfilter aktiv. Andere haben den eben nicht, sondern ein komplett anderes, individuelles Set. Mit anderen Werten, Erfahrungen, Gedanken, Wissen, Besonderheiten. Verstehen wie anders diese Sichtweisen sein können, werden wir aber nur, wenn wir möglichst viele konkrete, ehrliche Rückmeldungen aus eben diesen anderen Perspektiven bekommen. Und damit verringert sich schrittweise unser Blinder Fleck. Wir bekommen eine Ahnung davon, wie andere uns sehen, der Anteil unserer „Öffentlichen Person“ wird größer.

Durch die Summe kann das übrigens durchaus ein wertvolles Gegengewicht zu einem zu einseitigen (oft eher negativen) Selbstbild entwickeln. Also sucht ruhig bewusst nach Infos über Euren blinden Fleck. Fragt ruhig konkret nach, sagt was Euch interessiert. Auch nach einer sogenannten „warmen Dusche“. Darunter versteht man, dass man als Gruppe bewusst lauter positive Dinge über eine Person im Team sammelt und ihr sagt. Und dann einmal reihum, tut nämlich jeder/jedem gut. Wer das noch nicht erlebt hat, es ist wirklich eine tolle Erfahrung und kann einen durchaus auch mal durch schlechtere Momente tragen, wenn man sich wieder in Erinnerung ruft, wieviele nette Dinge andere so über einen denken. Falls Ihr dazu noch mehr Anregung braucht oder eine Erklärung, wie das oben angesprochene Johari-Experiment (dass sich dafür ebenfalls eignet) funktioniert, lasst es mich wissen.

Traut Euch!

Von allein passiert so ausgesprochen positives Feedback leider ziemlich selten, unsere Kultur ist da alles andere als hilfreich ausgeprägt. Das bekannte Sprichwort „nicht geschimpft, ist genug gelobt“ sagt eigentlich alles.

Positiver Nebeneffekt wenn man es doch tut: gutes Feedback beinhaltet nach meiner Überzeugung ja auch immer ein gewisses Maß an Selbstoffenbarung. Wie habe ich etwas bzw. mein Gegenüber empfunden, erlebt, wahrgenommen. Damit offenbare ich auch immer etwas meine Sicht und Einstellung. Was damit ganz nebenbei, stückchenweise auch etwas von „meinem Geheimnis“ preis gibt, was wiederum meine öffentliche Person vergrößert und gleichzeitig aufzeigt, dass das gar nicht weh tut. Sondern oft hilfreich ist wenn mein Umfeld zunehmend versteht, wie ich so ticke.

Soviel zum Feedback.
Und was macht dann Coaching mit dem Johari-Fenster?

Coaching ist nach meiner Ansicht die ideale Gelegenheit, mit jemandem mal vorsichtig „Dein Geheimnis“ zu beleuchten mit einem Menschen, der/die behutsam, kompetent, verschwiegen und wertschätzend damit umgeht. Egal was kommt. Deine Gedanken, Sorgen, Fragen und Irritationen. UND die/der gleichzeitig einen sehr geschulten Blick auf Deinen blinden Fleck hat und deshalb mit Dir erarbeiten kann, was die beiden Bereiche an Verbindungen, Gemeinsamkeiten aber vielleicht auch Differenzen haben. Und da steckt die große Chance – finde ich. Durch dieses Bewusstsein was das eine mit dem anderen zu tun hat, verschiebt sich mit der Zeit die diagonale Achse nach rechts unten. Dein blinder Fleck schrumpft, Deine öffentliche Person wird größer. Und Deine positiven Erfahrungen daraus, Deine Erkenntnisse über Dich und Dein fast zwangsläufig gestiegenes Selbstbewusstsein, schrumpfen damit üblicherweise Dein Geheimnis.

Ein Fenster in Italien mit schöner Aussicht. Passende Bildmetapher zum Johari-Fenster.
Schöne Aussicht…

Der Gamechanger

Denn erfahrungsgemäß wird spannenderweise dabei auch oft ein bisschen Licht ins Dunkel geworfen und mit der Zeit zeigt sich bisher „Unbekanntes“. Die Verbindungen aus „geheimen“ Gefühlen und Gedanken und „blinden“ Verhaltensweisen erklärt manches Mal erstaunlich gut, was da im schwarzen Verborgenen lauert. Neben vielem Guten was da ganz sicher wartet – aber vermutlich wenige erwarten, ist das was uns Sorgen macht ja eher das Ungute.

Ich nenne es gerne die inneren, roten Alarm-Buttons. Ein falscher Blick, ein missglückter Satz, eine ausgebliebene Nachricht und ein ganzes gedanklich-emotionales Drama nimmt seinen Lauf. Das sind diese Situationen wo wir ganz plötzlich in einen sehr unguten, emotionalen Autopiloten wechseln und selbst nicht mehr so richtig Herr unserer Sinne sind.

Wenn die Interpretationen und düsteren Gedanken plötzlich ein Eigenleben entwickeln und alles schlechte was wir jemals befürchtet haben und schon längst überwunden glaubten, plötzlich hochkommt und uns fiese Sätze einflüstern. „Ich kann nichts“. „Niemand liebt/mag mich“. „Ich werde es niemals zu etwas bringen“. „War ja klar, dass er/sie mich eigentlich nur ausnutzt“. „In meinem Leben nie was klappt“, etc. Kommt Euch irgendwas davon bekannt vor?

Licht im Dunkel

Das Problem – solange diese Knöpfe im Dunkeln liegen, können wir kaum verhindern, dass ab und an mal jemand drauf trommelt. Wahrscheinlich ganz aus Versehen. Und unsere spontane Panikmodus-Reaktion ist oftmals ziemlich talentiert im Gegenzug bei anderen dann wiederum den roten Knopf zu drücken. Ziemlich ungute Sache.

Wenn ich allerdings gelernt habe, wo in etwa dieser Knopf montiert ist und was ihn typischerweise auslöst, kann ich viel leichter verhindern, dass es dazu kommt. Und selbst wenn, bin ich wahrscheinlich schon vorgewarnt, dass sich jemand näherte und kann trotz Schreck über die Alarmsirene deutlich schneller wieder in den Modus zurückfinden, in dem ich in der Lage bin den Code für die Deaktivierung einzugeben. Im übertragenen Sinn – Ihr wisst schon.

Ist Dein Rauchmelder in der Küche schonmal ohne echte Notsituation angesprungen? Wie lange hast Du beim ersten Mal gebraucht um ihn auszuschalten? Wie lange beim zweiten Mal? Eben – man wird immer klarer im Kopf und geschickter. Je drastischer und ohrenbetäubender der Effekt, umso mühsamer ist das ausschalten, manchmal langsam, aber es funktioniert. Und das ist meiner Ansicht nach, DER Gamechanger im Leben: wenn wir lernen, diese roten Alarmknöpfe in den Griff zu kriegen.

Je nach Lebenserfahrung und -erlebnissen kann das natürlich extrem unterschiedliche Umfänge haben. Und je nachdem braucht es dann eben ein paar Stunden Coaching oder ein paar Jahrzehnte Traumatherapie. Meistens irgendwas dazwischen. Aber eins weiß ich ziemlich sicher, ganz alleine funktioniert das nicht. Denn für den ehrlichen und kommunizierten Blick von außen auf das was uns unbekannt ist, brauchen wir nun mal andere. Ansonsten wird der blinde Fleck auch blind bleiben.

Also.. das Johari-Fenster ist tatsächlich ganz klasse, um zu beschreiben, warum Feedback so wichtig und wertvoll ist. Und was es gebend UND nehmend für uns tun kann.

Für mich neu und spannend war allerdings wie man Coaching darin abbilden kann. Was denkt Ihr darüber? Ich freu mich über Austausch.

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